Resilienz ist keine Alleinsache. Warum Resilienzförderung ein gesellschaftlicher Mitgestaltungsauftrag ist

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Individuelle Kompetenz braucht tragfähige Rahmenbedingungen.

Wenn wir über Resilienz sprechen, richtet sich der Blick noch immer sehr schnell auf den einzelnen Menschen.

  • Wie gut kann ich mich regulieren?
  • Wie flexibel reagiere ich auf Veränderungen?
  • Wie optimistisch bleibe ich in schwierigen Situationen?
  • Wie gut gelingt es mir, mit Belastungen umzugehen?

Diese Fragen sind wichtig. Sie gehören zur Resilienzförderung. Und trotzdem greifen sie zu kurz, wenn wir dabei übersehen, dass Menschen ihre Resilienz-Kompetenzen niemals im luftleeren Raum entwickeln und einsetzen.

Wie wir führen, miteinander sprechen und Beziehungen gestalten, wie Teams zusammenarbeiten, wie Organisationen Regeln, Prozesse und Rituale gestalten und welche Bedingungen wir in Lern-, Lebens- und Arbeitswelten schaffen – all das beeinflusst, ob resilientes Handeln unterstützt, erschwert oder überhaupt erst möglich wird.

Genau deshalb ist Resilienz für uns keine Alleinsache.

Eine Beitrag von Ella Gabriele Amann

1. Individuelle Resilienz und systemische Bedingungen gehören zusammen

Resilienzförderung wurde lange vor allem aus der Perspektive individueller Fähigkeiten betrachtet. Das war und ist wichtig. Menschen können lernen, eigene Reaktionen früher wahrzunehmen, sich besser zu regulieren, hilfreiche Perspektiven einzunehmen, Beziehungen bewusst zu gestalten, lösungsorientierter zu handeln oder Zukunft und Werte stärker in den Blick zu nehmen.

Doch selbst sehr ausgeprägte individuelle Kompetenzen stoßen an Grenzen, wenn die Bedingungen, unter denen Menschen leben, lernen oder arbeiten, dauerhaft gegen sie arbeiten.

Eine Führungskraft kann beispielsweise sehr gut darin geschult sein, sich selbst zu regulieren. Wenn sie jedoch in einer Organisation arbeitet, in der permanent widersprüchliche Erwartungen bestehen, Informationen fehlen, Entscheidungen nicht nachvollziehbar sind und Erholungsräume systematisch verschwinden, wird individuelle Selbstregulation allein das Problem nicht lösen.

Ebenso kann ein Kind lernen, Gefühle wahrzunehmen und mit Belastungen umzugehen. Entscheidend bleibt trotzdem, welche Beziehungserfahrungen es macht, welche Sicherheit Erwachsene herstellen können und welche Regeln und Strukturen sein Lern- und Lebensumfeld prägen.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:

Mensch oder System?

Sondern:

Wie wirken Mensch und System miteinander?

Resilienz entwickelt sich in Beziehung

Im RZT® betrachten wir diese Wechselwirkung unter anderem über die vier Perspektiven ICH · DU · WIR · ES. Im Carousel haben wir diese Ebenen erstmals als kleinen Einblick in unsere Arbeitsweise sichtbar gemacht.

ICH · DU · WIR · ES

ICH – Resilienz in der Beziehung zu mir selbst

Auf der ICH-Ebene geht es um persönliche Kompetenz und Selbstführung.

  • Wie nehme ich meinen eigenen Zustand wahr?
  • Wie reguliere ich mich?
    Wie gehe ich mit Unsicherheit um?
  • Wie lerne, entscheide und gestalte ich?

Individuelle Resilienz-Kompetenz bleibt damit ein unverzichtbarer Bestandteil der Resilienzförderung. Doch sie ist eben nur eine Ebene.

DU – Resilienz entsteht zwischen Menschen

Menschen regulieren, lernen und entwickeln sich nicht ausschließlich allein. Beziehungen können Sicherheit herstellen oder Unsicherheit verstärken. Kommunikation kann Orientierung schaffen oder Verwirrung vergrößern. Führung kann Handlungsspielräume eröffnen oder einengen.

Auf der DU-Ebene fragen wir deshalb: Wie gestalten wir Beziehung, Resonanz, Kommunikation und Co-Regulation? Das gilt im Entwicklungsgespräch zwischen Führungskraft und Mitarbeitender ebenso wie zwischen Eltern und Kindern, Lehrenden und Lernenden, Coaches und Klient:innen oder zwei Menschen im privaten Alltag.

WIR – Resilienz als gemeinsame Praxis

Auf der WIR-Ebene richtet sich der Blick auf Teams, Gruppen, Familien, Netzwerke und andere soziale Systeme.

  • Wie gehen wir gemeinsam mit Fehlern um?
  • Wie lernen wir?
    Wie organisieren wir Zusammenarbeit?
  • Wie reagieren wir auf Veränderungen?
    Wie viel Unterschiedlichkeit halten wir aus?
  • Wie entstehen Vertrauen, Verlässlichkeit und gemeinsame Gestaltungskraft?

Resilienz zeigt sich hier nicht mehr nur als persönliche Fähigkeit, sondern als Qualität des Miteinanders.

ES – die Bedingungen, unter denen Resilienz stattfinden soll

Die ES-Ebene nimmt Strukturen, Prozesse, Regeln, Ressourcen und Rahmenbedingungen in den Blick.

  • Welche Entscheidungswege gibt es?
  • Wie sind Aufgaben verteilt?
  • Welche Ressourcen stehen zur Verfügung?
  • Welche Regeln fördern Lernen und welche verhindern es?
  • Welche Rituale geben Halt?
    Welche Prozesse erzeugen unnötige Belastung?

Damit wird sichtbar: Resilienz ist immer auch eine Frage der Bedingungen, die Menschen gemeinsam herstellen und verändern können.

RZT LOOP Coreframework Schnittstelle System & Mensch

2. Meta-Kompetenzen und Meta-Prinzipien zusammendenken

Im RZT® verbinden wir deshalb die Entwicklung individueller Resilienz-Kompetenzen mit systemischen Meta-Prinzipien. Auf der individuellen Seite stehen beispielsweise Improvisation und Lernen, Selbstregulation und Selbstfürsorge, Akzeptanz und Realitätsbezug, Beziehungen und Netzwerke oder Selbstverantwortung und Gestaltungskraft.

Auf der systemischen Seite betrachten wir unter anderem Agilität, Stabilität, Ressourcenorientierung, Kommunikation, Diversität oder Selbstorganisation. Der entscheidende Gedanke ist nicht, diese Bereiche voneinander zu trennen.

Es geht um ihr Zusammenspiel.

Eine Organisation kann beispielsweise von ihren Mitarbeitenden Eigenverantwortung erwarten. Wenn sie gleichzeitig jede Entscheidung zentralisiert, fehlen systemische Bedingungen, unter denen diese Kompetenz tatsächlich gelebt werden kann.

Ein Team kann mehr Offenheit und Lernbereitschaft entwickeln wollen. Wenn Fehler jedoch regelmäßig sanktioniert oder verdeckt werden, bleibt diese Entwicklung begrenzt.

Und ein Mensch kann noch so viele Strategien zur Selbstfürsorge kennen: Wenn das konkrete Arbeits- oder Lebensumfeld dafür keinerlei Raum zulässt, entsteht ein dauerhaftes Spannungsfeld zwischen persönlicher Kompetenz und systemischer Realität.

3. Mitgestaltung bedeutet nicht Allzuständigkeit

An diesem Punkt entsteht schnell ein Missverständnis. Wenn Resilienz nicht allein individuelle Aufgabe ist – sind dann plötzlich alle für alles verantwortlich? Nein. 

Mitgestaltung in der Resilienzförderung steht nicht für  Allzuständigkeit.

Nicht jede Person kann die Struktur einer Organisation verändern. Nicht jede Führungskraft kann gesellschaftliche Rahmenbedingungen beeinflussen. Nicht jedes Team kann Ressourcenprobleme lösen. Nicht jede Familie kann Bedingungen in Schule, Kommune oder Arbeitswelt verändern.

Aber auf jeder Ebene lässt sich eine andere Frage stellen:  Was liegt tatsächlich in meinem oder unserem Einflussbereich? Und:  Welche Bedingungen können wir hier und jetzt konkret mitgestalten?

Manchmal geht es dabei um größere Entscheidungen. Sehr oft beginnt Mitgestaltung jedoch wesentlich kleiner.

  • Wie führen wir dieses Gespräch?
  • Wie starten wir unser Meeting?
  • Wie gestalten wir einen Übergang?
  • Welche Regel dient uns noch – und welche nicht mehr?
  • Wie geben wir Feedback?
  • Wie gehen wir mit Unsicherheit um?
  • Wie viel Zeit geben wir Lernen und Integration?
  • Wie gestalten wir einen Raum, in dem Menschen sich orientieren können?

Gerade diese kleinen Entscheidungen prägen die Qualität unserer Lern-, Lebens- und Arbeitswelten jeden Tag.


5. Warum daraus ein gesellschaftlicher Mitgestaltungsauftrag wird

Wenn Resilienz im Zusammenspiel von Mensch, Beziehung, Gemeinschaft und System entsteht, kann Resilienzförderung nicht ausschließlich darin bestehen, einzelne Personen auf schwierige Bedingungen besser vorzubereiten. Sie muss zugleich fragen:

Wie können wir Rahmenbedingungen schaffen, unter denen Menschen ihre Kompetenzen überhaupt entwickeln und wirksam einsetzen können?

Damit öffnet sich Resilienzförderung in viele gesellschaftliche Bereiche:

  • in Familien,
  • in Bildung und Weiterbildung,
  • in Führung und Zusammenarbeit,
  • in Organisationen,
  • in sozialen Netzwerken
  • in Regionen und zunehmend auch
  • in digitale Lebens- und Arbeitswelten.

Angewandte Resilienz bedeutet für uns deshalb, individuelle Kompetenzentwicklung und die Gestaltung ihrer jeweiligen Kontexte immer wieder miteinander zu verbinden. Genau darin sehen wir einen wesentlichen Auftrag für Phase 2 der Stiftung ResilienzForum.

Wir möchten nicht nur Menschen darin unterstützen, resilienter mit bereits vorhandenen Bedingungen umzugehen. Wir möchten gemeinsam mit ihnen Lern-, Lebens- und Arbeitsbedingungen weiterentwickeln, unter denen Resilienz wachsen und wirksam werden kann.

Kleine Mitgestaltung kann große Wirkung entfalten

Vielleicht beginnt gesellschaftliche Resilienzförderung deshalb weniger spektakulär, als es der Begriff zunächst vermuten lässt. Sie beginnt dort, wo Menschen ihren realen Einflussbereich erkennen.

Beim ICH.
Im DU.
Im WIR.
Und im ES.

Und sie beginnt mit der Bereitschaft, Resilienz nicht als Aufgabe Einzelner auszulagern, sondern immer wieder gemeinsam zu fragen:

Was können wir hier so gestalten, dass Menschen und Systeme besser lernen, regulieren, kooperieren und sich weiterentwickeln können?

Für uns liegt genau darin ein Kern Angewandter Resilienz.

  • Wo erleben Sie in Ihrer beruflichen oder privaten Praxis, dass Resilienz noch zu stark als individuelle Aufgabe verstanden wird?
  • Und welche Bedingungen könnten Sie auf Ihrer jeweiligen ICH-, DU-, WIR- oder ES-Ebene bereits heute ein Stück mitgestalten?

In den kommenden Beiträgen unserer Reihe „8 Jahre Stiftung ResilienzForum “ vertiefen wir unser Verständnis Angewandter Resilienz, zeigen weitere RZT®-Modelle und übertragen die ICH-DU-WIR-ES-Perspektive schrittweise auf unterschiedliche Lern-, Lebens- und Arbeitswelten.

Wir freuen uns auf den Dialog.